Das Thema “Wellenreiter”

Ein trister Tag im Spätherbst

Es ist Mitte November 2011. Ein frischer Wind fegt durch die Straßen einer beschaulichen Kleinstadt in Deutschland. Draußen ist es kalt, die Menschen denken schon an Weihnachten. Um 16:00 Uhr wird es dunkel, Zeit, auch im Rathaus die Lichter an zu machen. Es ist alles so wie immer, auch im Internet. Die Website der örtlichen SPD, bunt und grell, verzeichnet auch heute wieder um die 10 Klicks. Das ist nicht viel, aber immerhin: Der eine oder andere informiert sich über das Geschehen in der Gemeinde auch auf diesem Wege. Der Bürgermeister steht seit 1989 an der Spitze der Gemeinde. Erst spät verlässt er das Rathaus, da noch Sitzungen anstehen. Der November ist ein begehrter Sitzungsmonat. Der Haushalt muss beraten werden.

Zur gleichen Zeit schaut sich in Deutschland irgendjemand den Auftritt der örtlichen SPD im Netz an und schreibt in Twitter ein paar fetzige Sätze über die „schlechteste Website im Internet“. Das sitzt. Rasend schnell verbreitet sich die Nachricht. Über Nacht bricht sie sich ihren Weg in die Welt des Internets. Am Tag danach ist in dem kleinen Ort alles anders. Die deutsche Printpresse greift das Thema auf, will den Bürgermeister interviewen. Spiegel Online und Süddeutsche berichten. Der Wiesbadener Kurier titelt „Dank Twitter: Das Bergdorf wird über Nacht weltbekannt“. Anrufe aus der ganzen Republik erreichen den Ortsvorsteher. Geklickt wird auch in Pakistan, Norwegen, Kanada oder den USA. Videos werden ins Netz gestellt. Die Tagesschau ist auch dabei, viele Blogs greifen die Geschichte auf. Zuletzt sind es pro Tag 35.000 Zugriffe auf der Webseite der SPD gewesen. Dieses Beispiel zeigt die ganze Kraft des Internets. Wie ein Tsunami schiebt sich die Welle immer weiter. Ihre Kraft zerbröselt das Image der Kommune. „Alles so schön bunt hier!“ steht auf der Website von tagesschau.de.

Ein solcher Internet-Tsunami ist schwer vorhersehbar. Die Reaktionszeiten gehen gegen Null. Vielleicht hätte ein Antwort-Tweed in Twitter auf die erste Meldung den Sturm abmildern können. Dazu hätte aber der Gemeindeverwaltung bzw. dem SPD-Ortsverein die Meldung bekannt sein müssen. Wer noch nie etwas von Facebook, Twitter & Co. gehört hat, ist in solchen Situationen hoffnungslos überfordert.

Facebook, Twitter & Co. stellen jedweden Akteuren heute einen Instrumentenkoffer zur Mobilisierung zur Verfügung, der früher nur gegen teures Geld zu haben war. Wer heute mobilisieren will und Druck auf die Politik oder die Einrichtungen des Staates und der Kommunen ausüben möchte, braucht keine Sendelizenz für die Bereitstellung von Filmen mehr. Wer schreibt und Texte veröffentlicht, kann dies elektronisch im Netz ohne großen finanziellen Aufwand selbst tun. Die Erstellung von Webseiten wird u.a. durch Baukastensysteme immer einfacher.

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